| 5.04.2009 Ironman South Africa 2009HT16-Starter Andreas Kleinert beim Ironman South Africa: Erlebnisbericht oder Rechtfertigung? ... oder einfach das Bedürfnis eine interessante Erfahrung festzuhalten. Ich stehe am Strand von Hobie Beach. Nelson Mandela Bay. Port Elizabeth, Südafrika. Kleiderordnung: Wetsuit. Mein etwas veralteter Orca Neoprenanzug scheint mittlerweile an Stellen wie Hüfte und Bauch etwas zu kneifen. Alles Einbildung, nur weil ich meine alljährliche Vor-Ironman-Diät (bewußte Ernährung und konsequenter Verzicht auf alkoholische Getränke) dieses Jahr auf einen Tag gekürzt habe. Einschwimmen habe ich hinter mir. Aber wozu macht man das eigentlich, wenn der Trainingsaufwand Schwimmen in den letzten vier Monaten nur aus ein paar Bahnen in der Alterschwimmhalle bestanden hat? Immerhin habe ich einige Ausreden gefunden, die ich hoffe, später noch gegen mich verwenden zu können, sollte es nicht so gut laufen:
Ich lege mir diese Argumente zurecht, suche mir eine entsprechende Formulierung, überlege mir, ob diese fadenscheinigen Ausreden schon genug sind, um zurück ins Hotel zu gehen und gemütlich zu frühstücken, da wird es aber auch schon ernst und ich verwerfe den Gedanken wieder. 6:55h Die Südafrikanische Nationalhymne wird gespielt und gesungen, die Bürgermeiserin sagt wichtige Worte und ein Referent segnet Rennen und Teilnehmer. Eine 30-köpfige Gruppe am Strand trommelt und tanz afrikanische Rythmen. Gänsehaut. Der Startschuss kann kommen. Ich habe mich bei „60-90 Min Swim“ eingeordnet. Ganz links (rechts ist die Ideallinie). Ich blicke nach hinten: Die ganze Promenade und der Steg ins Meer sind voller Ironman-Bewunderer oder -Verachter. Ich versuche, die Schwimmbrille schonmal anzusetzen, aber das erscheint nicht sinnvoll, weil ich Tränen in den Augen habe. Mein Gott, ich werde doch nicht sentimental. 6:59h Es liegt eine feierliche Stille über der Nelson Mandela Bay. Warten. Aufgeregte Blicke oder leere Augen voller Konzentration. 7:00h (vielleicht auch etwas später, wir sind nicht in der Schweiz) „Bäng“. Der Startschuss. Rein geht es in den indischen Ozean. Kinderfreundlicher Strand – es geht sehr seicht und weit rein. Gestern habe ich mich noch gefreut, dass meine Jungs hier nicht so leicht ertrinken können. Jetzt stolpere ich ins Wasser und will endlich schwimmen. Los gehts! Ich finde schnell in meinen Rhythmus, wundere mich fast, dass alles so easy geht. Die Bojen, die den Kurs markieren, kann ich nicht sehen. Das Wasser ist zwar relativ ruhig, die Wellen sind aber immerhin hoch genug, dass man die Übersicht nicht halten kann. Also den anderen hinterher und immer wieder der Blick nach vorn, in der Hoffnung, doch noch etwas besser planen zu können. Das Schwimmen ist ein Dreieckskurs im Indischen Ozean innerhalb der Bucht. 2 Runden á 1,9km. Beim Landgang wage ich einen Blick auf die Uhr und bin erstaunt über gute 32min nach Runde 1. Leider dauert es zwischen diesem Blick und dem wieder rein ins Wasser vom Sand noch einige Minuten durchs wadentiefe Wasser. Bodysurf mit jeder Welle Richtung Land.
Das Training hat sich also gelohnt. Aber welches Training? Immerhin komme ich in der Vorbereitung auf den Ironman bis heute auf sagenhafte 12 Schwimmkilometer. Seit Jahresbeginn. Profis machen so einen Umfang pro Woche. Später krame ich eigene Vergleichszahlen heraus und stelle fest, dass ich vor meiner ersten Langdistanz 130km Vorbereitung im Schwimmbecken hatte. Damals nahm ich so einen Event wohl noch ernster.
8:10:14h Ich laufe über die Zeitnehmermatte und meine Schwimmzeit ist fixiert. Das Schlimmste ist vorbei. Wechsel Nr. 1. Noch fühle ich mich wie ein Kerl, also schnappe ich meinen Wechselbeutel von der Stange und renne ins Umkleidezelt für „Men“. Mein Freund Mattes würde jetzt einen Cappuccino bestellen und sich ein Croissant aufwärmen lassen. Ich bin versucht, ihm nachzueifern, entscheide mich aber für die Variante Essen auf Rädern und renne zu meinem Drahtesel. Raus aus der Wechselzone rauf auf die Straße. Es geht leicht bergab. Ich rase an diversen Langsamstartern vorbei, 0 auf 40 in Mikrosekunden. Ich brülle meine Schlachtruf: „Rock’n’Roll!“. Der Tag kann kommen. Nach wenigen Minuten sause ich an Hilke, Tim und Jesse vorbei, die an der Straße stehen. Ja! Ich fühle mich gut. Vor ein paar Tagen habe ich eine Runde der Radstrecke schonmal abgefahren. Der Wind, normal für Port Elizabeth, machte aus dieser Trainingseinheit eine kleine Herausforderung. Jetzt ist es noch fast vollkommen windstill. Und die Wettervorhersage sagte für heute eine triathlonfreundliche Flaute voraus. Später sollten kleine Schauer für etwas Abkühlung bringen. Drei Runden á 60km sind zu durchfahren. Rauher Asphalt, hügelig aber keine echten Anstiege. Und es wird warm. Um 9:30h ist es wirklich schon eher heiß (zumindest für mich, der ich aus dem deutschen langen Winter komme). Und das früh am Morgen. 9:45h (ungefähr) 40km gefahren. Alles fühlt sich gut an. Regelmäßiges Trinken ist wichtig und ich habe mit dem Aufnehmen von PowerGel begonnen, das ab jetzt alle 45 Minuten eingeworfen werden soll, bis es gar nicht mehr geht. „Peng!“ Was? Noch ein Startschuss? Nein, es ist mein Hinterad. Scheiße! Bremsen. Es ist ja nichts passiert, nur ein platter Reifen. In Hektik wird das Hinterrad rausgenommen und der Reifen weggeschnitten. Reservereifen anlegen.
Ich erinnere mich an die Anweisungen des Radhändlers meines Vertrauens („Wenn Du eine Panne hast, kannst Du die neuen Reifen aufziehen, damit aber bloß nicht mehr ernsthaft fahren. Schnell oder Kurven fahren ist zu vermeiden. Richtig bremsen sowieso. Du kannst aber langsam zum Ziel rollen.“). Ich vergesse diese Worte lieber sofort wieder, bin ja schließlich erst in der ersten Runde. Zum Glück kommt gerade jetzt ein Fahrrad-Hilfswagen vorbei, der mir mit einer Pumpe aushelfen kann und darf. Damit geht der ganze Wechsel sehr schnell. Der Mechaniker gibt mir ein wohlgemeintes „Take it easy“ mit auf den Weg, das ich frei übersetze mit „Hau jetzt aber rein!“. Das hat nicht mal 8 Minuten gedauert. Ich überlege, ob ich meine Tempobegrenzung auf 50km/h einstellen sollte, entscheide mich aber dagegen und nutze auch auf den 2 weiteren Runden die Abwärtsstücke voll aus. Bis zu 70 km/h fast nackt mit Helm. Wie bescheuert, muss man eigentlich sagen. Glücklicherweise passiert nichts. 11:30h Es wird anstrengend. Und heiß. Aber noch lasse ich mich ablenken. Der ein oder andere Schnack mit südafrikanischen Mitstreitern lockert die Fahrt auf. „How’s it?“. „You first time over here?“. „You Germans always win these races, eh?“. Eine Lady aus dem lokalen Triathlonverein (ihrem Trikot nach) ärgert mich, indem sie sich immer direkt ans Hinterrad von Leuten hängt, die einen kleinen Tick schneller sind als ich. Mich überholen, dann wieder langsamer werden. Ich als regelkonformer Sportler, der nicht in den Verdacht von Windschattenfahren kommen will, fahre dann wieder vorbei, um mich dann einige Minuten später wieder auf das gleiche Spiel einzulassen. Immerhin vergeht die Zeit so schneller und man kommt nicht auf die Idee nachzudenken. Auch nicht darüber, dass ich auch das Radfahren bis heute eher vernachlässigt habe. Seit Dezember komme ich auf 650km im Sattel, immerhin 2 Mal Training über 100km. Das werde ich aber anderen gegenüber bis nach dem Rennen verschweigen, sonst werde ich für vollkommen verrückt erklärt. 13:00h Hitze pur. Der Wind weht fast gar nicht. Der Asphalt auf der Strecke ist zum Teil so mies, dass man gar nicht genug Fahrtwind bekommen kann, der abkühlen würde. Ich merke, wie meine Schultern anfangen zu glühen und meine Unterarme, aufliegend auf dem Aerolenker, langsam Brandblasen bekommen. Hätte ich nicht besser Sonnenschutzfaktor 100 einplanen sollen? Trinken, trinken, trinken. Und trotzdem muss ich nicht. Ich, der mit der Konfirmandenblase. 13:55h Ich nähere mich wieder der Wechselzone. Endlich raus aus den Radschuhen, die mittlerweile ernsthaft zwicken. Ich gehe den Wechsel im Kopf durch, der dann auch genau so klappen soll: Noch auf dem Rad aus den Schuhen schlüpfen und die letzten Meter auf den Schuhen treten. Im letzten Moment abspringen und das Rad an einen Helfer geben. Dann in Strümpfen zum Wechselzelt... Aufwachen, da ist ja auch schon der Abbieger von der Radstrecke. Los jetzt. 14:04h Geklappt wie am Schnürchen! Mit Sonnencreme dick auf Schultern, Armen und Gesicht renne ich auf die Laufstrecke. Ja, ich renne. Noch. Geiles Gefühl. Hilke, ich komme und löse Dich ab bei der Betreuung der Jungs! Denke ich noch. 14:50h Bis eben lief ich doch noch wie ein junger Gott. Ist es dieser Berganstieg, der mir jetzt zu schaffen macht? Quasi ein Alpenmarathon. Die Laufstrecke hat hier in der zweiten Hälfte jeder Runde einige Höhencentimeter zu bieten, die für Normalsterbliche gar nicht registrierbar wären. Aber wir Ironmen sind ja wesentlich naturverbundener und damit sensibel für so plötzliche Schwankungen. Zeit zum Gehen? – Ich verbitte mir den Gedanken! Noch. Zumindest Runde 1 (14km) wird noch zu Ende gelaufen. ... Zumindest bis km 12. ... Zumindest ... Ich habe km 10 passiert und es geht nichts mehr. Keine Chance. Ich verlangsame und gehe. Nein, jetzt merke ich, dass ich eher torkel als gehe. Es war wohl angemessen, das Tempo zu drosseln. Ich will nicht auf einer Bahre mit Infusion im Arm landen. Also eben noch langsamer. Später lese ich, dass es jetzt ca. 40°C sind. Gut, dass ich das jetzt noch nicht weiß. Soll ich jetzt etwa 30km gehen? Ein junger Mann mit großem Pflanzenbesprüher springt auf die Laufstrecke: „Need some spray?“ und sprüht mich mit Wasser ein. Das tut gut. „Where do you come from?“ – „Romania.“ Das scheint eine gute Antwort zu sein, man muss weiter nichts erklären. ;-) Cola. Ich habe einen Becher getrunken und das Zeug scheint mir gut zu bekommen. Die Beine gehorchen wieder etwas besser. Nachdem mich eine Gruppe Zuschauer aufs Korn genommen hat und nicht aufhören will, mich mit Kommentaren zu ärgern, fange ich dann doch wieder an zu laufen. Es geht ja doch. Der Marathon wird aber zur Qual. Ich werde sarkastisch, verbessere wohlgemeinte Zuschauerzurufe. „You’re looking good!“ – nein, „You’re looking cooked!“. Ich laufe an zwei Jungs vorbei, die sich erdreisten mir ein „What a strong lady“ mit auf den Weg zu geben. Ich verbitte mir das strong auf der Stelle! Erst danach stelle ich fest, dass sie vielleicht gar nicht mich meinten. Da steht Hilke endlich wieder mit den Jungs. Es tut so gut, jemandem sein Leiden mitteilen zu können. Aber im kurzen Wortaustausch kann ich eigentlich nur sagen, dass ich noch keine Vorhersage machen kann, wann ich denn wohl ins Ziel kommen werde. 17:30h Mitten in der letzten Runde. Der Himmel zieht sich jetzt zu und es könnte tatsächlich noch zu den angekündigten Schauern kommen. Das erinnert mich aber auch daran, dass es hier ja schnell dunkel wird und ich befürchte schon die erste Ironman Ankunft nach Sonnenuntergang. Nein, das geht nicht! Diese Befürchtung treibt mich an. Jetzt aber wieder rennen! Irgendwann dachte ich mal, dass man bei Marathons eigentlich das Ziel nach 4 Stunden zumachen sollte, um die Hobbyjogger nicht mehr reinzulassen. Jetzt halte ich selbst die 4 Stunden nicht mehr. Ich steige in Verhandlungen mit mir selbst ein (im mittleren Teil der Laufrunde sind eh keine Zuschauer von denen man abgelenkt werden könnte) und schließe den Vertrag, dass man bei langen Triathlons am Saisonanfang eine Ausnahme machen und bis zu 4:15 geben könnte. 18:14h Jetzt biege ich um die letzte Ecke, runter von der Marathonrunde in Richtung Zielkanal zwischen den Tribünen. Die letzten 4km sind automatisch gelaufen. Wieder mit Tempo, das einem Lauf angemessen ist.
Es werden dann 11:14:57 Gesamtzeit (Splits: 1:10:14 Schwimmen, 5:46:32 auf dem Rad und ein enttäuschender 4:11:11 Marathon). Zeit, meine letzte Rechtfertigung auszuspielen: Ich wurde schon jetzt in die Altersklasse 40-44 eingeordnet, gehöre also auch offiziell mittlerweile zum alten Eisen. Und für einen Senior ist das vielleicht doch eine angemessene Leistung. Es wird Platz 30 der Altersklasse, Platz 175 insgesamt von 1298 angekommenen Startern. 20:00h Mittlerweile haben heftige Gewitter eingesetzt und ich bin froh, nicht zu den armseligen Wasserratten zu gehören, die jetzt auf der Laufstrecke zu schwimmen anfangen. Gemessen an dem Anblick, den andere Mitstreiter am Abend im Hotel bieten, die ich beim Finisher-Bier treffe, bin ich eigentlich doch ganz gut durchgekommen... und am nächsten Tag wird Hilke fragen, wo der nächste Ironman stattfinden soll. |

Die zweite Runde läuft gut. Das Wasser macht Spaß. Ich merke, wie sich mein Hals am Neopren wundscheuert, aber da ist das Ende der Plantscherei ja schon in Sicht. Das wird mal wieder eine schöne Kombination aus wundgescheuert und Sonnenbrand (5 Tage später wird mich eine Verkäuferin in Knysna fragen, was mir denn Schlimmes passiert ist).
Das Blöde bei Laufrädern für Poser (also solche, die bei mir mittlerweile Verwendung finden) ist, dass die nur mit Tubulars fahren, also Reifen, die Mantel und Schlauch in einem sind und auf die Felgen geklebt werden (Klebe drauf, 24h antrocknen lassen, ankleben, zurechtziehen und nach nur 2 Tagen sitzen die Puschen drunter wie ne eins). Trotzdem hat man ja was zur Reserve dabei. Ich zumindest (Reservereifen auf dem Foto zu erkennen an dem hellen Rand).
Aber ich bin spät dran. Jesse will nicht mehr mit mir über die Ziellinie, er straft meine schlechte Zeit mit einem Nickerchen im Kinderwagen. Tim hat auch langsam die Nase voll vom Warten auf Daddy und staucht sich gerade noch den Knöchel bevor ich auftauche, kann es sich aber doch nicht nehmen lassen, von mir mitgenommen zu werden. Ich strahle seit einem Kilometer nur noch wie ein Honigkuchenpferd, weil es gleich vorbei ist und so habe ich das Kinderlachen im Gesicht und er strahlt die Strapazen aus, die ich durchstanden habe.